Ein Blick ins Dunkel

Ein Blick ins Dunkel
Mit dem Schritt vegan zu leben, begann ich auch mich intensiver mit der "Nutz"Tierhaltung und dem Töten der selbigen zu befassen. Das Wort "Nutztier" tut mir allein schon beim Aussprechen weh. Es gibt keine Nutztiere, sondern "nur" Tiere. Dass sie von uns genutzt, gequält und getötet werden, ist nicht die natürliche Bestimmung dieser Tiere – wir haben es so für sie entschieden. 
Das Schlachten ist ein sehr unangenehmer und brutaler Teil, der zum Konsum von tierischen Produkten dazugehört, nur verdrängen wir ihn alle sehr gerne. Im Supermarkt liegt das Fleisch fast schon steril in der Kühltheke und dass dahinter mal ein lebendes Wesen mit Gefühlen und Empfindungen steckte, ist für uns nicht mehr zu erkennen. Das macht es uns leichter zuzugreifen und es zu verzehren. Ich wollte nicht mehr länger wegschauen und deswegen nahm ich (inzwischen schon an sehr vielen) Schlachthof-Mahnwachen teil. Ich wollte den Tieren ihre Anonymität nehmen.
Meine erste Schlachthof-Mahnwache war schrecklich. Sie sind es heute immer noch, aber das Herz schafft es mit der Zeit sich einen schützenden Mantel überzuziehen, um nicht jedes Mal aufs Neue zu zerbrechen, wenn man die Transporter mit den Tieren angefahren sieht, die bald darauf tot sein werden. 

Als ich das erste Mal am Schlachthof ankam, hatte ich noch keine wirkliche Ahnung davon, wie es sein würde, einen Tiertransporter ankommen zu sehen. Ja, auf der Autobahn waren mir früher auch schon des Öfteren welche begegnet, aber ich verstand es immer sehr gut, auf die Seite zu sehen und nicht weiter darüber nachzudenken. Heute konnte ich dem Anblick nicht entkommen, denn ich stand direkt vor dem Gebäudekomplex wo es für diese armen Wesen zu Ende geht und die Vorstellung daran, schnürte mir den Magen zu. 
Es waren schon einige Menschen da. Es wurden Lichter angezündet, Bilder von Schweinen und Rindern lagen auf dem Boden, umrankt von Blumen und alle waren in gedrückter Stimmung. Die Mahnwachen wollen den Tieren die letzte Ehre erweisen. Ein Zeichen setzen, gegen die Behandlung der Tiere als Mittel zum Zweck. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass diese Tiere Lebewesen sind, die ein Recht auf ein unversehrtes Leben in Ruhe und Frieden haben. Man möchte den Passanten, die vorbeigehen und vielleicht gar nicht wissen, dass sie gerade am Schlachthof vorbeilaufen und auch den Menschen, die dort arbeiten, zeigen, dass es Leute gibt, denen das Schicksal der Tiere nicht egal ist. Wir erfahren jedes Mal viel Zustimmung und es entwickeln sich auch sehr interessante Gespräche. Aber leider wird man auch immer mal wieder mit sehr abwertenden und beleidigenden Reaktionen konfrontiert. Stinkefinger, den Vogel zeigen und Beschimpfungen gehören leider auch dazu. Aber ich finde, dass diese Art sich friedlichen Teilnehmern einer stillen Mahnwache gegenüber so zu verhalten, mehr über diese Personen aussagt, als über die Demonstrierenden. So etwas perlt inzwischen an mir ab. 

Ich nahm mir ein Schild in die Hand, auf dem ein Rind abgebildet war und stellte mich zu den anderen Teilnehmern. Es dauerte nicht lange und der erste Transporter kam angefahren. Mulmig war mir ja schon die ganze Zeit, aber nun wurde mir richtiggehend übel. Ich bekam ein Gefühl der Beklemmung und schon war der Transporter auf unserer Höhe. Durch die Schlitze konnte man die Rinder sehen, die versuchten nach draußen zu blicken und ein bisschen frische Luft zu erhaschen. Ich sah in die Augen der Tiere, die für unseren Konsum nun sterben müssen. Es war schrecklich und mir kamen die Tränen. Ich fing an zu weinen und spürte eine Hilflosigkeit, wie ich sie vorher noch nie empfunden hatte. Ich wäre am liebsten

zu dem Transporter gelaufen, hätte die Tiere gern gestreichelt und ihnen gesagt, dass es mir unendlich leidtut, dass ich nichts für sie tun kann. 
Der Transporter setzte seinen Weg durch das Tor des Schlachthofes fort. Er bog nach links ab, wo die Tiere abgeladen und in die Schlachtgasse getrieben werden. Dieser Teil ist für Besucher nicht wirklich einsehbar. Ein Betreten des Geländes ist nicht erlaubt, man möchte nicht, dass der Konsument mitbekommt, wie die Tiere in ihr Schicksal geschickt werden.

 


Aber auch wenn einem der Blick auf die Tiere verwehrt bleibt, die Geräusche können nicht ausgeblendet werden. Wenn die Tiere von der Rampe getrieben werden, dann hört man oftmals ein heftiges Rumpeln und Stoßen, weil die Tiere keinen Halt haben und rutschen. Und ein markerschütterndes Brüllen gesellt sich dazu. Ich weiß nicht, warum die Tiere genau brüllen. Aber so wie es klingt, hört es sich für mich wie blanke Angst, Panik und vielleicht auch Schmerz an. 

Es ist leider eine nicht zu leugnende Tatsache, dass viele Tiere ihre Schlachtung ohne ausreichende Betäubung erleben. Immer wieder liest man in den Zeitungen von einem neuen Skandal, wo beispielsweise von defekten Bolzenschussgeräten berichtet wird. Und allein schon bei der Menge, der zu schlachtenden Tiere ist es nicht verwunderlich, dass nicht alle Tiere bewusstlos sind, wenn sie geschlachtet werden, auch hier ist der Zeitfaktor entscheidend. Und Schnelligkeit geht oftmals auf Kosten der Gründlichkeit – für die Tiere im Schlachthof grauenvoll. 
Ich bin wie betäubt. Mir tut innerlich alles weh und ich glaube, abbrechen zu müssen, weil ich die Atmosphäre des Schlachthofes nicht mehr ertragen kann. Es riecht ganz fürchterlich, speziell wenn ein Transporter mit den Schlachtabfällen aus dem Tor kommt, und die Krähen kreisen über dem Areal. Der Tod ist hier greifbar und das nimmt mir die Luft zum Atmen.
Aber ich reiße mich zusammen, denn ich kann diesen Ort lebendig wieder verlassen. Ich kann nach Hause gehen, mich in eine Decke einkuscheln und es mir gutgehen lassen. Die Tiere können nicht entkommen. Ihr Leben besteht aus Enge, Dunkelheit und Leid. Und ihr Tod ist nicht besser. Sie können nicht weggehen, sich frei bewegen und das tun, wonach ihnen der Sinn steht. Die Menschen haben entschieden, dass sie da sind, um zu sterben. 

Diese Schlachthofmahnwachen finden mehrmals jährlich statt. Sie werden zeitgleich in unterschiedlichen Städten und Ländern abgehalten und mein Wunsch wäre es, dass sich auch Menschen zu uns gesellen, die sich bis jetzt noch nie mit dem Thema befasst haben. Die in den Supermarkt gehen, das Schnitzel kaufen und keinen Gedanken an das Tier verschwenden, das hinter diesem Brocken Fleisch steckt. 
Der Schlachthof ist ein Ort zum Aufwachen. Er verbreitet Schmerz, Angst und Tod. Und erinnert mich immer wieder aufs Neue daran, warum ich nicht mehr Teil eines Systems sein will, indem das Abschlachten von Tieren nicht als Akt der Brutalität und Grausamkeit wahrgenommen wird, sondern als nötiges Übel, um abends die Currywurst mit Pommes essen zu können. 

 

Mir macht es Angst, es ekelt mich und mir tun die Tiere unsagbar leid. Wir werden nicht weggehen. Wir lassen sie nicht allein und wir werden nicht aufhören, über sie zu sprechen.

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